Unsere Tochter

Als Erstes möchte ich allen, die diesen Auszug aus meinen Tagesaufzeichnungen lesen, sagen: Unsere Geschichte hat kein Happy-End.
Unsere Tochter ist nach zwanzig Monaten, die wir gemeinsam für das Leben und gegen den Krebs gekämpft haben, gestorben. Nicht einen Tag mit ihr möchten wir missen. Es waren viele Stunden und Tage voller Angst, Schmerzen und Traurigkeit, aber es waren viel mehr Tage, an denen wir gelacht haben, Spaß miteinander hatten und unsere gemeinsame Zeit genossen haben. Dass das so war, daran haben ganz viele Menschen einen Anteil.

Ohne diese Unterstützung und Hilfe wäre uns vieles nicht möglich gewesen. Unsere Familien, Freunde, Nachbarn und Arbeitskollegen, die Lehrer, Ärzte, Pflegekräfte und ganz besonders KIMBU waren unsere Verbündete.

. . . Ich sollte mich nach dem Wochenende bei KIMBU melden und einen Termin für eine Blutabnahme vereinbaren. Die KIMBU-Mitarbeiterin hatte morgen Vormittag 9.30Uhr vorgeschlagen. Das ist nun aber ganz schlecht, weil unsere Tochter da in die Schule kommen kann. Sie kann eine Stunde Geschichte und Mathe im Gymnasium mitmachen, wenn ihre Kraft reicht, kann sie auch noch eine Stunde Englisch haben. Sie freut sich schon auf ihre Klassenkameraden. Jetzt warte ich auf einen Rückruf, ob da eine andere Zeit für den Hausbesuch möglich ist. Es sind keine 2 Minuten vergangen und KIMBU ist wieder dran. Ist natürlich kein Problem: Die fahren einfach ihre Tour andersherum, dann sind wir als Letzte dran. So ca. elf Uhr  wird es mindestens. Damit  ist auch Englisch für unser Kind noch möglich. Es ist doch wichtig, dass die Patienten ein wenig von ihrem bisherigen Tagesablauf beibehalten und Freunde treffen ist sowieso immer gut und Ablenkung und Spaß außerdem, so die Argumente, die aus dem Telefon in mein Ohr klingen. Ich könnte sie drücken durch das Telefon! Meine KIMBU-Engel. Ist auch genau meine Einstellung: Alltag ist wichtig, ein bisschen Routine (sofern das überhaupt möglich ist), Schule, Freunde, Verabredungen. Alle geben ihr Bestes, um solche lebenswichtigen ‚Kleinigkeiten‘ zu ermöglichen. . .

. . . Meine Nachbarin hat mich vor unserem Haus auf der Straße angesprochen und sich nach dem kleinen blauen Auto erkundigt, das gelegentlich bei uns parkt. (Ich liebe es, dass wir auf dem Dorf wohnen. Alle um uns herum nehmen Anteil an unserem Schicksal. Es sind auch diese lieben Mitbewohner hier in der Straße, die unsere Pakete annehmen und unsere Mülltonne aus der Hofeinfahrt auf die Straße ziehen, wenn bei unserer Tochter überraschend Fieber aufgetreten ist, ich mit ihr mitten in der Nacht in die Klinik fahre, mein Mann früh morgens unsere jüngere Tochter versorgt und zur Schule bringt und seinen Arbeitsbeginn in der Firma auch nicht aus den Augen verliert. Die sind alle Gold wert!!) Ich erzähle ihr also von KIMBU. Von der großartigen Arbeit, die das Team leistet. Dass uns so mancher Termin in der Klinik erspart bleibt, weil KIMBU bei uns einen Hausbesuch macht . . .

Vieles spreche ich telefonisch mit unserer Oberärztin in der Klinik ab, und mit KIMBU wird es dann in die Tat umgesetzt. Wenn KIMBU zu uns kommt, wird unser Tagesablauf vielleicht für eine halbe Stunde unterbrochen. Verabredungen mit ihren Freundinnen können unsere Töchter trotzdem machen und einhalten, ich kann meinen Haushalt hier machen, Essen kochen, mich um diverse Dinge kümmern, wir sind da, wenn der Papa nach Hause kommt. Das fühlt sich dann auch für mich wie Alltag an. Jede Fahrt zur Klinik setzt hier ein ganzes Karussell in Bewegung. Das kommt trotz allem immer noch häufig genug vor. Dennoch sind wir dankbar für jeden Besuch von KIMBU und jeden dadurch ersparten Klinikaufenthalt. . .

. . . Vieles hat sich eingespielt in den vergangenen gut anderthalb Jahren. Ganz viel Vertrauen ist gewachsen bei allen Beteiligten. Eine Gewissheit ist bei uns allen ständig präsent: Wir werden es nicht schaffen. Wir werden den Kampf für das Leben und gegen den Krebs verlieren. Eines ist aber auch allen Beteiligten klar: Es zählt das, was unsere Tochter sich wünscht! Wir werden also nicht in die Klinik fahren für die letzten Tage, wenn es möglich ist. Wenn es soweit ist. Auch das Team der Klinikstation stärkt uns den Rücken: Ihr könnt zu Hause sein, KIMBU ist bei euch und wir sind immer im Hintergrund für euch da, wenn ihr uns braucht. Wir schaffen das gemeinsam! . . .

. . . Das kleine blaue Auto hält jetzt jeden Tag, den ganzen Tag bei uns vor dem Haus. Wir haben alles, was wir brauchen. Hat alles KIMBU organisiert. Zwischenzeitlich haben mich Zweifel überkommen, ob wir das alles schaffen. Ich hätte gerne ein Pflegebett für unsere Tochter gehabt. Wäre auch kein Problem gewesen. Das Sauerstoffgerät war ja auch innerhalb kürzester Zeit da. Aber unsere Tochter wollte keines. „Mama, ich hasse diese Krankenhausbetten. Ich lege mich da nicht rein. Du kannst ja eins bringen lassen. Aber das ist dann nicht für mich. Ich will das nicht!“ So kam ihre Stimme, ruhig und bestimmt vom Sofa. Ich wechsle einen Blick mit unserer Krankenschwester von KIMBU. Wir müssen trotz aller Traurigkeit leicht schmunzeln. Richtig so! – denken wir beide. Deutliches Kopfnicken bei uns, wir haben verstanden: Es zählt der Wille des Patienten! Jetzt wollen wir auch kein Pflegebett mehr!   . . .

. . .Mit Hilfe von KIMBU haben wir auch die letzte gemeinsame Woche mit unserer Tochter zu Hause verbringen können. Unsere Oberärztin und das Team der Station immer im Hintergrund. Wir sind als Familie dabei an unsere Grenzen gegangen  und auch darüber hinaus. Aber wir haben es geschafft. Wir haben für unsere Tochter die beste Versorgung gehabt, die wir uns vorstellen konnten. Alle haben ihr Bestes getan. Es war ein würdevolles Sterben. Ein liebevolles Abschied nehmen. In den letzten Tagen war es sehr ruhig in unserem Haus. Trotz Familienleben rundherum, dem einen oder anderen Besuch von den Großeltern, unseren Geschwistern, unserer Nachbarin. Wir haben alles richtig gemacht, dank KIMBU. Die Trauer ist unendlich. Aber wir sind innerlich ganz ruhig. Wir haben alles so gemacht, wie unsere Tochter es wollte. Ich bin ganz beruhigt. Es gibt kein:  . . . hätten wir doch bloß . . . oder . . . wären wir doch nur . . .

Wir sind der Station 4031, KIMBU und ganz besonders Schwester Barbara unendlich dankbar. Medizinisches Fachwissen und moderne Technik sind lebenswichtig. Liebevolle Fürsorge, Zeit, Ruhe und Verständnis sind unersetzbar. Das vertrauensvolle  Zusammenarbeiten von allen Beteiligten ist genau das, was Familien in einer solch schwierigen Lebenssituation brauchen. Wir hoffen, dass es KIMBU auch weiterhin möglich sein wird, Familien wie uns in vergleichbarer Weise zu unterstützen. Sie machen alle eine wertvolle Arbeit. Danke für alles.

 

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